Awarenesskonzept für das AJZ Erfurt

1. Präambel & Einführung

Als autonomes Jugendzentrum verstehen wir uns als Raum, in dem sich alle Menschen sicher, respektiert und wohl fühlen sollen – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter, sexueller Orientierung, Behinderung/ Beeinträchtigung, sozialem Status, Sprache oder Religion.
Dieses Awarenesskonzept soll ein solidarisches Miteinander fördern, in dem Diskriminierung keinen Platz hat. Es wurde von einer offenen Awareness-Arbeitsgruppe aus dem Haus heraus entwickelt und ist ein lebendiges Dokument: Es wird weiter wachsen, sich mit neuen Erfahrungen weiterentwickeln und gemeinsam mit dem Awareness-Team, dem Hauskollektiv und allen Besuchenden getragen.

Awareness bedeutet für uns die bewusste Haltung, dass übergriffiges Verhalten und Diskriminierung nicht toleriert werden – und dass Menschen, die davon betroffen sind, ernst genommen, geschützt und unterstützt werden.

Unser Raum richtet sich vorrangig an junge Menschen bis 27 Jahre, steht aber grundsätzlich allen offen. Wir schaffen einen Ort, an dem Austausch, Solidarität und gemeinsames Miteinander im Mittelpunkt stehen.


2. Wichtige Begriffsdefinitionen

  • Awareness: Aufmerksamkeit für diskriminierende und grenzüberschreitende Strukturen und Verhalten – mit dem Ziel, Betroffene zu schützen und Strukturen zu verändern.
  • Diskriminierung: Ungleichbehandlung und Ausschluss von Menschen aufgrund bestimmter Merkmale – sie kann strukturell, individuell oder institutionell auftreten.
  • Saferspace: Ein Raum, in dem wir bewusst versuchen, Machtverhältnisse abzubauen und marginalisierte Menschen zu schützen.
  • Definitionsmacht: Betroffene definieren selbst, was übergriffig oder diskriminierend war – ihre Perspektive steht im Zentrum.
  • Konsens: Jede Interaktion braucht die ausdrückliche Zustimmung aller Beteiligten. Schweigen oder fehlender Widerspruch ist kein Konsens. Nur ja heißt ja.
  • Parteilichkeit: Die Wahrnehmung der betroffenen Person wird nicht in Frage gestellt. Solidarität mit der betroffenen Person steht im Fokus.
  • Vertraulichkeit: Alle Anliegen und Erzählungen werden vertraulich behandelt, sofern keine ausdrückliche Erlaubnis zur Weitergabe besteht.
  • Fehlerkultur: Wir bieten Raum für Lernprozesse, benennen Fehler offen und nutzen sie als Chance zur Veränderung.

3. Diskriminierungsformen – was wir erkennen und benennen

Wir wollen aktiv gegen alle Formen von Diskriminierung vorgehen:

  • Rassismus & migrationsbezogene Diskriminierung
  • Sexismus & Genderdiskriminierung
  • LGBTQIA+ Feindlichkeit
  • Ableismus (Diskriminierung von Menschen mit Behinderung/chronischer Erkrankung)
  • Ageism (Altersdiskriminierung)
  • Klassismus (Diskriminierung aufgrund von sozialem Status oder Herkunft)
  • Religiöse Diskriminierung
  • Bodyshaming & Lookismus
  • Sprachliche Diskriminierung

Wir wissen, dass viele dieser Diskriminierungsformen sich überschneiden können (Intersektionalität) und dass manche Diskriminierung weniger sichtbar ist. Unser Ziel ist, gemeinsam zu lernen und immer sensibler zu werden.


4. Awareness im Alltag & bei Veranstaltungen

An Barabenden (regelmäßig, ohne festes Awareness-Team)

  • keine feste Awareness-Struktur, dennoch klare Haltung: Diskriminierendes Verhalten wird nicht geduldet
  • deutliche Awarenesshinweise am Eingang und an der Bar
  • Schulung und Sensibilisierung des Barpersonals für Awarenessgrundsätze
  • Möglichkeit zur Ansprache des Personals bei Problemen
  • Weiterverweis an das Awareness-Team über Barpersonal, Sozialarbeitende, Vorstandsmitglieder und persönlichen Austausch bei nächsten Veranstaltungen

Bei kulturellen Veranstaltungen (Konzerte, Openairs etc.)

  • wenn möglich: ansprechbares Awareness-Team vor Ort (erkennbar z. B. an leuchtenden Armbändern)
  • Einrichtung und Pflege eines Saferspace (Rückzugsort)
  • Erreichbarkeit des Teams über Mitarbeitende per Walkie-Talkie oder durch persönliche Ansprache
  • Zusammenarbeit mit Security, Bar, Einlass und ggf. Vorstand
  • Dokumentation und Reflexion von Vorfällen durch zum Beispiel Gedächtnisprotokolle (vertraulich, anonymisiert)
  • Anstreben einer  starken Beteiligung von FLINTA-Personen*, um Schutzräume und Perspektivenvielfalt zu stärken
  • Initiieren eines kurzen gemeinsamen Briefings des Awareness- Teams vor jeder Veranstaltung, um Zuständigkeiten zu klären und auf Besonderheiten einzugehen
  • bewusste Nüchternheit des Awareness- Teams, um während des gesamten Einsatzes klar ansprechbar zu sein
  • aktive Präsenz im Veranstaltungsraum, im Eingangsbereich, im Barraum und auf dem Hof, um die Stimmung wahrzunehmen und unterstützend zur Seite zu stehen

5. Zuständigkeiten, Zusammenarbeit & Haltung

  • Wir haben als ausübende Kräfte Hausrecht und nutzen es, um diskriminierendes oder übergriffiges Verhalten zu unterbinden.
  • Wir sind kein Sicherheitspersonal, arbeiten aber solidarisch mit Security, Einlass, Bar und Vorstand zusammen.
  • Das Awareness-Team arbeitet unabhängig, parteilich für Betroffene und orientiert sich an den Grundsätzen von Konsens, Definitionsmacht, Vertraulichkeit und Parteilichkeit.
  • Wenn nötig, vermitteln wir an externe Hilfsangebote (z. B. Beratungsstellen).
  • Unsere Arbeit wird bedarfsgerecht durch kollegiale Fallberatung und – wenn möglich – Supervision reflektiert.

6. Aufbau & Weiterbildung des Awareness-Teams

  • Dieses Awarenesskonzept ist dynamisch und wird stetig weiterentwickelt.
  • Unser Ziel ist der Aufbau eines kompetenten, kontinuierlich geschulten Teams, das in Awarenessfragen ansprechbar ist.
  • Neue Menschen können niedrigschwellig dazukommen.
  • Wir streben einen wachsenden Pool an Aktiven an, um Wissen weiterzugeben und langfristig tragfähige Strukturen zu schaffen.

7. Prävention, Fehlerkultur & Sensibilisierung

  • Wir gestalten Räume möglichst barrierearm, inklusiv und diskriminierungssensibel.
  • Awareness wird im Alltag sichtbar gemacht – durch Aushänge in mehreren Sprachen, ggf. über QR- Codes
  • Wir wollen Menschen sensibilisieren – sowohl Gäste als auch Vereinsmitglieder und Betroffenenstigmatisierung entgegenwirken.
  • Eine offene Fehlerkultur ist Teil unserer Haltung: Wir lernen miteinander und entwickeln uns gemeinsam weiter.